#052: Wendigo - Der Hunger, der niemals endet

Shownotes

🎧 Worum geht’s in dieser Folge?

Der Wendigo gehört zu den bekanntesten Wesen nordamerikanischer Folklore. In modernen Darstellungen erscheint er häufig als ausgemergelte Gestalt mit Hirschschädel und mächtigem Geweih. Blickt man in ältere Quellen, wird das Bild allerdings erheblich komplizierter.

Wir beginnen mit Basil Johnstons Erzählungen über den Weendigo und verfolgen frühe schriftliche Spuren des Begriffs durch Innu-, Cree- und Ojibwe-Kontexte. Dabei begegnen uns Hunger, Kannibalismus, Eis, Träume und die Vorstellung, dass auch ein Mensch selbst zu einem Wendigo werden kann, ohne dass daraus eine einzige verbindliche Version des Wesens entsteht.

Historische Fälle zeigen, welche realen Folgen solche Vorstellungen haben konnten. Wir rekonstruieren den Fall des Cree Swift Runner und die Geschichte der Brüder Jack und Joseph Fiddler, deren Umgang mit einer vermeintlichen Wendigo-Gefahr 1907 auf das kanadische Rechtssystem trifft. Außerdem geht es um die sogenannte Windigo-Psychose und die Frage, wie aus unterschiedlichen Überlieferungen zeitweise ein psychiatrisches Krankheitsbild konstruiert wurde.

Schließlich verfolgen wir, wie sich auch das Aussehen des Wendigos verändert. Von Algernon Blackwoods nahezu unsichtbarem Wesen über Matt Fox’ Illustration von 1944 bis zu Larry Fessenden und "Antlers" lässt sich nachvollziehen, wie das heute so vertraute Geweih Teil der Popkultur wurde. Robin Wall Kimmerer und Leanne Betasamosake Simpson zeigen wiederum, warum der alte Hunger des Wendigos auch in ganz anderen Zusammenhängen weiterlebt.

⏱ Kapitel

00:00:00 Opening: Vierzehn Monster

00:01:20 Intro & Begrüßung

00:08:00 Hunger ohne Sättigung

00:15:03 Wenn der Winter in einen Menschen zieht

00:24:06 Wiindigoo, Wîhtikow, Whitego

00:35:53 Der Winter von Swift Runner

00:44:40 Diagnose Windigo

00:57:37 Zwei Gesetze im Schnee

01:14:37 Das Geweih, das vorher nicht da war

01:26:03 Das Monster wächst mit uns

01:34:46 Talk

01:43:02 Obscura Rewind

01:44:21 Was vom Hunger bleibt

01:46:18 Outtakes

📚 Quellen & Literatur

  • American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Fifth Edition (DSM-5).

  • American Psychological Association (2018): „windigo psychosis“. APA Dictionary of Psychology, aktualisiert am 19. April 2018.

  • Blackwood, Algernon (1910): „The Wendigo“. In: The Lost Valley and Other Stories.

  • Brightman, Robert A. (1988): „The Windigo in the Material World“. Ethnohistory.

  • Brown, Jennifer S. H., und Robert Brightman (Hg.): The Orders of the Dreamed.

  • Carlson, Nathan D. (2009): „Reviving Witiko (Windigo): An Ethnohistory of ‘Cannibal Monsters’ in the Athabasca District of Northern Alberta, 1878–1910“.

  • Colombo, John Robert (1982): Windigo.

  • Cooper, John M. (1933): „The Cree Witiko Psychosis“. Primitive Man.

  • Evans, Catherine L. (2018): Untersuchung des Falls Riskeyak / She Wins. Law and History Review.

  • Fabvre, Bonaventure (1695): Racines montagnaises. Tadoussac.

  • Famous Fantastic Mysteries (Hg.) (1944): „The Wendigo“ von Algernon Blackwood, mit Illustrationen von Matt Fox. Juni 1944.

  • Fessenden, Larry (Reg.) (2001): Wendigo.

  • Fessenden, Larry (Reg.) (2006): The Last Winter.

  • Flannery, Regina, Mary Elizabeth Chambers und Patricia Jehle (1982): Untersuchung zu Hungerkannibalismus und Windigo-Vorstellungen bei den Cree an der James Bay.

  • Goddard, Ives (1969): „Owls and Cannibals: Two Algonquian Etymologies“. Vortrag auf der Second Algonquian Conference, St. John’s.

  • Hay, Thomas H. (1971): „The Windigo Psychosis: Psychodynamic, Cultural, and Social Factors in Aberrant Behavior“.

  • Howard, Alfie (2024): „Windigo Violence and Resistance“.

  • Johnston, Basil (1976): Ojibway Heritage.

  • Johnston, Basil (1995): The Manitous.

  • Kimmerer, Robin Wall (2013): Braiding Sweetgrass.

  • LaDuke, Winona, und Deborah Cowen (2020): „Beyond Wiindigo Infrastructure“. South Atlantic Quarterly.

  • Library and Archives Canada: RG 13, Band 1417, Akte 138A, Ka-ki-si-kut-chin alias Swift Runner. Ermittlungs-, Prozess- und Hinrichtungsunterlagen.

  • Marano, Lou (1982): „Windigo Psychosis: The Anatomy of an Emic-Etic Confusion“. Current Anthropology.

  • Ojibwe People’s Dictionary, University of Minnesota: Einträge „wiindigoo“ und „wiindigoowi“.

  • Parker, Seymour (1960): „The Wiitiko Psychosis in the Context of Ojibwa Personality and Culture“. American Anthropologist.

  • Portland State University: Bericht über die Mitarbeit von Grace Dillon an Scott Coopers Antlers.

  • Rohrl, Vivian J. (1970): „A Nutritional Factor in Windigo Psychosis“.

  • Saindon, J.-Émile (1933): „Mental Disorders among the James Bay Cree“. Primitive Man.

  • Simpson, Leanne Betasamosake (2011): Dancing on Our Turtle’s Back.

  • Simpson, Leanne Betasamosake: Islands of Decolonial Love.

  • Smith, James G. E.: „Notes on the Wittiko“. Unter anderem mit dem Whitego-Eintrag aus dem York-Fort-Journal von James Knight von 1714.

  • Stevens, James R.: „Zhauwuno-geezhigo-gaubow (Jack Fiddler)“. Dictionary of Canadian Biography.

  • Teicher, Morton I. (1961): Windigo Psychosis: A Study of a Relationship Between Belief and Behavior Among the Indians of Northeastern Canada.

  • Turner, J. P. (1950): Geschichte der North-West Mounted Police.

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